Nietzsches Heraklitinterpretation

„[…] meine Vorfahren [sind, E.S.] Heraklit Empedocles Spinoza Goethe“; mit diesen Worten ist die Rolle angedeutet, die Heraklit für Nietzsche spielt. Wird Heraklit hier noch in eine Reihe mit drei anderen ‚Vorfahren‘ gestellt, so wird er von Nietzsche wenige Jahre später, kurz vor seinem geistigen Zusammenbruch, im ‚Ecce Homo‘ als einziger möglicher Vorläufer für seine eigene ‚tragische Philosophie‘ genannt:

„Vor mir giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit […l. Ein Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst.“

Friedrich Nietzsche - Gemälde von Edvard Munch

Zwar ist gegenüber derartigen Berufungen auf Vorläufer eine gewisse Skepsis immer angebracht, doch in diesem Falle wird Nietzsches Aussage durch die vielen Heraklitreminiszenzen in seinem Werk bestätigt. „Und das geht so weit“, schreibt Paul Good zum Verhältnis von Heraklit und Nietzsche, „daß ich plötzlich überall bei Nietzsche auf Heraklitische Neugeburten stoße, so daß Heraklit im Werk von Nietzsche niemals nur einen Gesichtspunkt unter anderen darstellt, vielmehr den geistigen Nährboden und die produktive Orientierung überhaupt. Nietzsche von Heraklit her, als Herakliteer sui generis, zu sehen, ergibt für mich die fruchtbarste Lesart für Nietzsche selbst.“

Heraklit führt ins Zentrum von Nietzsches Philsopophie

Es wird sich im Folgenden zeigen, dass Nietzsche in diesem Sinne von Heraklit her zu lesen, ins Zentrum von Nietzsches Philosophie führt. Die Heraklit-Interpretation Nietzsches aus seiner ‚Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen‘ scheint nicht nur ein wichtiger Schritt für Nietzsche auf dem Weg zu seiner eigenen, unabhängigen Philosophie zu sein, sondern die Heraklit-Interpretation erweist sich auch als ein archimedischer Punkt, von dem aus Nietzsches Grundlehren in ihrem Ursprung verstanden werden können.

Philosophie zwischen Wissenschaft und Kunst

Darüber hinaus spiegelt sich in Nietzsches Philosophie die Problematik, vor der Heraklit am Beginn der Philosophie gestanden hatte: auch Nietzsche sieht den Philosophen hineingestellt zwischen Wissenschaft und Kunst, weshalb er es als ‚große Verlegenheit‘ bezeichnen kann, „ob die Philosophie eine Kunst oder eine Wissenschaft ist“ und er den Titel ‚Der Philosoph. Betrachtungen über den Kampf von Kunst und Erkenntnis‘ für sein Philosophenbuch erwogen hat.326 Allein die Vorzeichen haben sich für Nietzsche im Vergleich zu Heraklit vertauscht: war Heraklit vor dem Problem gestanden, die durch die Kunst geprägte Sprache für die Philosophie nutzbar zu machen, so sieht sich Nietzsche nun vor dem Problem, die durch die Wissenschaft vorgegebene Sprache, die er für eine adäquate Interpretation der Wirklichkeit nicht geeignet hält, für die Philosophie wieder nutzbar zu machen

Nietzsches Artisten-Metaphysik

Es wird in der Folge zu zeigen sein, inwiefern Nietzsche gerade die Kunst als Gegenpol zur Wissenschaft und als Mittel der Welterklärung proklamiert. Dabei wird sich die ‚Artisten-Metaphysik‘ mit ihrem Leitsatz, dass das Dasein und die Welt nur als ästhetisches• Phänomen gerechtfertigt sei,327 als in ihrem Grunde durch Nietzsches Sprachtheorie fundiert erweisen. Um dies zu zeigen ist es sowohl nötig, Nietzsches Sprachtheorie, als auch den unmittelbaren Kontext, aus dem Nietzsches Heraklitinterpretation zu verstehen ist, die Schrift über ‚die Geburt der Tragödie‘ – zu der die Schrift über ‚die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen‘ ursprünglich gehören sollte – zu interpretieren. Die Verbindung von Nietzsches Sprachtheorie mit der Artisten-Metaphysik der ‚Geburt der Tragödie‘ wird deutlich machen, inwiefern der Weg über die Kunst für Nietzsche den einzigen Weg zur Welterklärung darstellt.

Dieser Weg wird über den Begriff des ‚ästhetischen Darstellungsverhältnisses‘ nachvollziehbar werden. Unter diesen Begriff wird sich die Heraklitinterpretation einordnen. Zum einen schon dadurch, dass sich eine Verbindung von Nietzsches Sprachtheorie aus ‚Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne‘ mit der Tragödienschrift nur vor dem Hintergrund der in der Heraklit-Interpretation erfolgten Ablösung von der Schopenhauerschen Metaphysik ziehen lässt. Zum anderen werden die Ergebnisse von Nietzsches Heraklit-Interpretation die Identifikation Nietzsches mit Heraklit verständlich machen, da Heraklits Philosophie in diesem Lichte betrachtet die Verwirklichung von Nietzsches Programm einer ästhetischen Rechtfertigung der Welt darstellt, von dem sich Nietzsches spätere Grundlehren ableiten lassen. Der Zusammenhang von Logos und Zeit wird dabei deutlich werden, insofern das ästhetische Darstellungsverhältnis die Verbindung der Frage nach Nietzsches Zeitauffassung, die letztlich in der Lehre von der ewigen Wiederkehr kulminiert, mit seiner Sprachtheorie offenlegt. Es wird sich erweisen, dass das sprachliche Grundverhältnis von Hören und Sprechen ebenso ein ästhetisches Darstellungsverhältnis ist, wie der Gegensatz von Werden und Sein, der für Nietzsche trotz seiner Frontstellung gegen die platonische Metaphysikgültig bleibt.

Das ist der Anfang des dritten Teils einer Abhandlung zu Hegels und Nietzsches Heraklitinterpretation

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